Themen & ProdukteKrankenKöniglich versichert: Das britische Gesundheitssystem

Königlich versichert: Das britische Gesundheitssystem

Der britische Versicherungsmarkt ist der größte in Europa. Welche Besonderheiten gibt es auf der Insel und welche Reformen macht das System durch?

Versicherung in Europa

Grundsätzlich gilt in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz ein Basis-Schutz. Das bedeutet, Versicherte haben bei vorübergehenden Aufenthalten Anspruch auf medizinisch notwendige Leistungen. Hier gelten dieselben Bedingungen wie für die Versicherten des Gastlandes. Eine große Besonderheit im Umgang mit Großbritannien ist der Austritt aus der Europäischen Union, der im Jahr 2017 begann und sich über mehrere Jahre hinweg zog.

Brexit

Hier gilt es Vorsicht walten zu lassen, denn seit dem Austritt des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland aus der EU sind die Karten neu gemischt. Nach einer längeren Übergangsphase haben sich die Europäische Union und das Vereinigte Königreich auf ein Handels- und Kooperationsabkommen geeinigt, mit dem „die Rechte der Bürgerinnen und Bürger im Gesundheitsbereich für Sachverhalte, die ab 2021 einen Bezug zum Vereinigten Königreich aufweisen, geregelt werden“. Das Bundesgesundheitsministerium rät dazu, sich vor einem Aufenthalt im Vereinigten Königreich bei der zuständigen Krankenkasse, beim Versicherer oder bei der Deutschen Verbindungsstelle Krankenversicherung – Ausland (DVKA) zu informieren.

Königliche Versorgung

Grundsätzlich hat jeder Bürger Großbritanniens das Recht zum freien Zugang zur medizinischen Versorgung des nationalen Gesundheitsdienstes. Und das ungeachtet seiner finanziellen Lage. Lange Zeit galt das britische Gesundheitssystem im internationalen Vergleich als das Nonplusultra. Es gibt vier nationale Pfeiler, auf denen dieses System ruht, sie alle finanzieren sich vorrangig aus öffentlichen Mitteln. Dabei erfolgt die Verteilung der Finanzmittel auf die Leistungserbringer über den National Health Service (NHS). Der Staat legt den Beitragssatz zur nationalen Sozialversicherung fest, weshalb die Sozialversicherungsbeiträge auch als Steuern gelten.

Das britische System wird auch Beveridge-System genannt, nach dem einflussreichen britischen Ökonomen William Henry Beveridge – ein Wohlfahrtsstaat wie aus dem Bilderbuch. Eine private Absicherung existiert ebenfalls, doch nur rund elf Prozent der Briten nehmen diese in Anspruch. Sie fungiert vorrangig als eine Zusatzversicherung und nicht als eine eigenständige Absicherung. Der Anteil dieser Leistungen an den gesamten Gesundheitsausgaben in Großbritannien macht weniger als drei Prozent aus. Die Briten nutzen es in erster Linie für einen schnelleren Zugang zur Versorgung, insbesondere was Wartezeiten für Operationen angeht.

Arztmangel in England

Denn diese sind im britischen System – so stolz die Briten auf ihren Wohlfahrtsstaat auch sind – ein gravierendes Problem. Der BBC zufolge fällt es Krankenhäusern immer schwerer, Patienten zeitnah zu behandeln. Dementsprechend wachsen die Wartezeiten beständig. Darüber hinaus herrschen Ärzte- und Intensivbettenmangel. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist der Anteil der britischen Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt vergleichsweise gering. Andere Industrieländer geben wesentlich mehr aus – was innerhalb des Königreichs immer wieder zu Kritik führt. Seit dem Jahr 2000 steigen die Gesundheitsausgaben kontinuierlich an, außerdem mischen immer mehr private Player am Markt mit.

Opt-Out bei der Rente

Ein weiterer gravierender Unterschied besteht in der gesetzlichen Rente. Während diese in Deutschland darauf abzielt, auch im hohen Alter einen gewissen Lebensstandard zu halten, wollte Beveridge in Großbritannien schon damals lediglich die Altersarmut verhindern. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sorgt das britische System nur für einen „Notgroschen“, keinesfalls für eine umfängliche Vorsorge.

Darum unternimmt Großbritannien tiefgreifende Reformen beim gesamten Rentensystem. In der betrieblichen Altersvorsorge etwa führten die Briten das „Automatic Enrolment“ ein, das dafür sorgt, dass Arbeitnehmer mit einem Einkommen von mindestens 10.000 Pfund pro Jahr automatisch an einer Entgeltumwandlung teilnehmen, sofern sie nicht aktiv widersprechen. 

Titelbild: ©shchus / stock.adobe.com

Lars-Eric Nievelstein
Lars-Eric Nievelstein
Hat Kunstgeschichte und Literatur studiert. Schreibt gerne. So gerne, dass er sich sowohl in der NewFinance-Redaktion als auch in der Freizeit damit beschäftigt. Und sollte er mal nicht schreiben, interessiert er sich für E-Sport, Wirtschaft und dafür, wer gerade an der Börse abrutscht.

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