Themen & ProduktePrivatkundenVive la Assurance: So funktioniert die Versicherung in Frankreich

Vive la Assurance: So funktioniert die Versicherung in Frankreich

Frankreichs Gesundheitssystem kämpft mit verschiedenen Krisen. Diverse Reformen sollen diese Probleme lösen. Diese zeigen jedoch nicht immer den gewünschten Effekt.

Fraternité européenne

Für einen kürzeren Aufenthalt in der Grande Nation sorgen Regelungen vonseiten der Europäischen Union für einen vorübergehenden Versicherungsschutz. Versicherte haben hier einen Anspruch auf medizinisch notwendige Leistungen. Bei diesen Leistungen gelten stets dieselben Bedingungen wie für die Versicherten des Gastlandes. Versicherte haben auch die Möglichkeit, beim Besuch bei einem Arzt, Zahnarzt oder anderen medizinischen Leistungserbringern vor Ort die Behandlungskosten zu zahlen und sie später in Deutschland von der Krankenkasse zurückzufordern. Ähnlich sieht es in Italien aus. Weitere Informationen darüber gibt es beim Bundesgesundheitsministerium.

Auf Bismarcks Spuren

Genau wie Deutschland hat auch Frankreich einen Wohlfahrtsstaat eingerichtet, im Kern organisiert als Sozialversicherungssystem. Der Bundeszentrale für Politische Bildung (BPB) zufolge gilt er damit als Sozialstaat Bismarck’scher Prägung, dessen Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Seit 1967 ist das System in vier Einzelkassen untergliedert.

Diese sind:

  • Die gesetzliche Krankenversicherung (Assurance maladie): Sie setzt sich zusammen aus der Nationalen Krankenkasse für Arbeitnehmer (Caisse nationale d’assurance maladie des travailleurs salariés), der Sozialversicherung für in der Landwirtschaft Beschäftigte (Caisse centrale de la mutualité sociale agricole – MSA) und der Kasse für selbstständig Beschäftigte (Caisses du Régime Social des Indépendants – RSI) mit jeweils zahlreichen lokalen und regionalen Untergliederungen.
  • Eine Familienleistungsversicherung (Branche familiale), getragen von der Caisse nationale des allocations familiales – CNAF.
  • Die gesetzliche Rentenversicherung (Assurance retraite): Sie erfüllt die Funktion der finanziellen Absicherung im Alter sowie der Hinterbliebenen- und Arbeitsunfähigkeitsversicherung.
  • Sowie die übergreifende Zentralstelle für Sozialversicherungsträger (Agence centrale des organismes de sécuritè sociale): Sie ist vorrangig in administrativem Auftrag für die zahlreichen einzelnen Kassen in den aufgezählten Versicherungszweigen zuständig.

Diese vier Einzelkassen haben vorrangig folgende zwei Funktionen: Erstens sollen sie die Bevölkerung gegen die drei zentralen Lebensrisiken Krankheit, Unfall und Alter absichern und zweitens die Finanzierung unterschiedlicher Aufgaben der Familienförderung sicherstellen. Dazu gehören etwa finanzielle Leistungen an Familien, spezielle Hilfen bei Kinderreichtum oder Wohnungslosigkeit.

Versicherungspflicht in Frankreich

Insgesamt gibt es in Frankreich eine größere Zahl verpflichtende Versicherungsarten als in Deutschland.

  • Zunächst wäre da die französische Kfz-Haftpflichtversicherung (assurance au tiers), die alle Versicherten mit ständigem Wohnsitz in Frankreich abschließen müssen, sobald ihr Fahrzeug nicht mehr in Deutschland zugelassen ist. Diese Absicherung springt ein, wenn der Versicherte als Fahrer eines Kfz anderen Verkehrsteilnehmern einen Schaden zufügt. Die Absicherung trägt nur die Kosten für die Unfallopfer oder die am Eigentum Dritter entstandenen Kosten. Für die eigenen Kosten muss eine zusätzliche Fahrerschutzpolice her.
  • Die zweite Pflichtversicherung ist die Versicherung von Mietrisiken. Bürger Frankreichs müssen alle Schäden, die an einer Wohnung entstehen können, ausreichend absichern. Die Hausrat- und Wohngebäudeversicherung deckt dabei alle Schäden ab, die durch den Mieter einer Immobilie oder durch eine externe Ursache entstehen. Etwa Brand, Explosionen oder Wasserschäden.
  • Weiterhin ist auch die Berufshaftpflichtversicherung obligatorisch – allerdings nur bei bestimmten Berufen. Darunter befinden sich etwa Rechtsanwälte, Ärzte, Notare oder auch Wirtschaftsprüfer.
  • Frankreichs Schülerversicherung ist immer dann verpflichtend, wenn das Kind an Schulausflügen oder sportlichen Aktivitäten außerhalb der Schule teilnimmt.
  • Und zuletzt verpflichten französische Banken Kreditnehmer oftmals zum Abschluss einer Kreditversicherung, auch wenn diese von staatlicher Seite nicht gefordert ist.

Weitere Informationen zu allen Versicherungen und Zusatzversicherungen in Frankreich gibt es beim Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz e. V..

Vive la reforme

Das große Problem bei der französischen Krankenversicherung: Seit mehreren Jahren rutscht das gesetzliche System zunehmend ins Minus ab. Mehrere Reformen, die die Kosten für das Gesundheitssystem senken sollten, warten entweder noch auf ihre Umsetzung oder haben nicht die gewünschten Effekte erzielt. Im Gegenteil – an manchen Stellen sorgten sie sogar für Mehrausgaben. Die beiden neuesten Reformen sollen diese Entwicklung wieder umkehren:

  • Das Gesetz „Hôpital, Patient, territoires et santé“ („Loi HPTS“) von 2009 soll vergangene Reformorientierungen fortsetzen. Es sieht vor, durch eine Eingliederung zusätzlicher staatlicher und halbstaatlicher Behörden, die „Agences régionales de santé (ARS)“ zu stärken. Die Einführung moderner Verwaltungsstrukturen und mittelfristiger Finanzplanung sollen die öffentlichen Krankenhäuser modernisieren und stärken. Außerdem sollen ambulante medizinische Versorgungszentren entstehen.
  • Die nationale Reformstrategie für das Gesundheitswesen (Stratégie nationale de Santé) von 2013 geht in die gleiche Richtung, wie ihre Vorgängermaßnahmen und sieht eine schrittweise Reformpolitik vor, die teils zentralstaatlich und teils hierarchisch gelenkt sein soll.

Weitere Informationen dazu stellt die BPB zur Verfügung.

Titelbild: ©B@rmaley/ stock.adobe.com

Lars-Eric Nievelstein
Lars-Eric Nievelstein
Hat Kunstgeschichte und Literatur studiert. Schreibt gerne. So gerne, dass er sich sowohl in der NewFinance-Redaktion als auch in der Freizeit damit beschäftigt. Und sollte er mal nicht schreiben, interessiert er sich für E-Sport, Wirtschaft und dafür, wer gerade an der Börse abrutscht.

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